
"Overtourism" in den Alpen
Dieser Artikel ist in Anlehnung an die Fachpuplikation "Berg und Steigen" mit dem Thema "Massen Am Berg" geschrieben und mit eigenen Erfahrungen und Einschätzungen ergänzt worden. Gerade niederschwellige Bewegungsformen im Bergsport, bieten momentan das Potential für eine Entwicklung hin zum Breitensport, deshalb macht es Sinn, das Phänomen der "Massen am Berg" genauer zu differenzieren. Sportklettern ist noch nicht Bergsport und ein Klettersteig beinhaltet oft noch keine alpinen Kompetenzen. Meistens ist der kleinste gemeinsame Nenner nur der Parkplatz im Tal.
Im Corona-Sommer 2020 verbrachten wir zwei Wochen in Südtirol. Die schroffe Form der Berge und ihre schönen Farben im Abendlicht machen für mich den Reiz der Südtiroler Dolomiten aus. Die Kletterrouten selbst sind schlecht abgesichert und kühn zu klettern. Wer den Nervenkitzel meiden möchte, fährt mit dem Auto am besten gleich daran vorbei Richtung Gardasee. Da wir aufgrund der Corona-Situation keine Hütten aufsuchten, verbrachten wir die Tage am Sellapass im Camper. Man sollte annehmen, dass durch die fehlenden internationalen Gäste der Andrang etwas gedämpfter wäre, jedoch das Gegenteil war der Fall. Die Parkplätze und Passstraßen waren von 7 Uhr in der Früh bis 21 Uhr mit Motorrädern, Autos und Campern voll. Als Trost genossen wir die einsamen, alpinen Klettertouren, den in den Felstouren trafen wir kaum auf andere Personen. Die Kulisse hinter uns bestand aus dutzenden Liftanlagen in der eigentlich schönen Südtiroler Landschaft und wir konnten die Ameisenspuren der vielen Wanderer von der Ferne verfolgen.
Nun befinden wir uns ein halbes Jahr später zurück in Österreich und im dritten Lockdown. Die Naherholungsgebiete der großen Städte stehen vor dem Platzen. Das Wochenende spielt dabei keine Rolle mehr, den auch unter der Woche ist viel los. Die Menschen sind in Kurzarbeit, haben viel Zeit und wenig Alternativen ausser raus in die Natur zu fahren. Die Hohe Wand in NÖ wird laut Nachrichten in Stollhof zum dritten mal, aufgrund des zu hohen Verkehrs-aufkommens gesperrt. Das Skitourengehen boomt im Corona-Winter und sorgt für zahlreiche Konflikte in Skigebieten, sowie auf Parkplätzen. Land-, Forst- und Jagdwirtschaft rufen zur Information aus, da viele der besagten Personen mit den Abläufen von Natur- & Kulturlandschaft nur mehr wenig vertraut sind.

"In den Bergen sein" ist IN
"Da sind ja schon alle anderen, da braucht's mich nicht auch noch." HANSPETER EISENDLE (Bergführer und Profibergsteiger)
THEMA: WILDCAMPEN ALS LIFESTYLE?
Auch das verstärkte Aufkommen von Wildcamping ist heutzutage mehr Lifestyle als echte Begierde nach Naturverbundenheit. War der billige Urlaub im alten, selbstumgebauten Bus noch eine der wenigen Schlupflöcher für die Urlaubsreise von Aussteigern, Hippies oder Studenten ohne Geld, stehen mittlerweile ausgebaute Luxus-Busse auf den Parkplätzen . Die Camper-Dudes wirken meist nicht wie Aussteiger mit der letzten Hose im Gepäck, sondern eher wie eine sehr zahlungskräftige Klientel, welche sich nach der sterilen Büroarbeit am Wochenende nach etwas Dreck und Natur sehnt? Das ist im Prinzip auch durchaus nachvollziebar, wird der Outdoorsport mittlerweile sogar schon in der Autowerbung für die Emotionen Wildnis und Freiheit benutzt. Man packt den Gaskocher aus und freut sich über den günstigen Urlaub, obwohl für diese Zielgruppe die Gebühren für einen Camping-Stellplatz oder für ein Zimmer gar kein Problem wären. Es geht scheinbar oft um den angeblichen Lifestyle, Sehnsüchte und Freiheit. Es ist natürlich Pech, wenn im gleichen Jahrzehnt alle die gleiche Idee haben und die eh schon großen Wander-Parkplätze komplett überfüllt sind. Der Konflikt mit der ansässigen Bevölkerung über fehlende Wertschöpfung, Lärm und Müll ist natürlich bei steigender Anzahl vorprogrammiert, vor allem wenn die Stellplätze mittlerweile schon illegal in Naturparks aufgesucht werden. Ich selber nutze meinen Camper nur um wertvolle Zeit zu sparen und eventuell in der Nacht noch zum Einstieg der Tour vorzurücken. Bin ich ein paar Tage vor Ort, gönne ich mir ein günstiges Zimmer mit Dusche oder bin sowieso auf den Hütten.
"Trend Natur, Fitness, Wandern und digitale Inszenierung"
In Summe leben wir alle in einer fitten Leistungsgesellschaft
die von Schnelllebigkeit und niederschwelligen Erlebnissen geprägt ist. Jeder
lebt in seiner Blase und die Berge oder der Strand sind reine
Hintergrundkulisse um sich physisch und digital zu präsentieren. Die alpinen
Vereine und der technische Fortschritt haben diese Entwicklung mit Angeboten wie Wegenetz, Hüttenausbau, Bergrettung,
Klettersteige, Lifte vorbereitet. Der dadurch gewonnene Sicherheitsgewinn in den Bergen hat sicherlich seine Berechtigung und wer genießt den nicht einen schönen Hüttenabend bzw. einen gut gelegten Wanderweg. Bitte das nicht falsch verstehen. Viele der schönen Felsklettertouren, die ich klettere, werden über einen Klettersteig abgestiegen und in dieser Situation ist man sehr froh, sich an einem Stahlseil gemütlich anhalten zu können. Als Felskletterer kann man es sich dennoch nicht verkneifen, bei manchen künstlichen Kletteranlagen etwas den Kopf zu schütteln. Vielleicht kann man in Zukunft Klettersteige wie die Himmelsleiter auch in Großstätten anbringen, den der Felskontakt scheint in diesem Fall ja nicht notwendig zu sein.
Der technische Fortschritt von Klettermaterialien, Skitourenbindungen, Lawinensuchgeräten macht nicht halt. Eine Lawinensuche mit dem Pieps beherrschen schon kleine Kinder. Die Ursachen für Unfallzahlen
findet man häufig in der körperlichen Fitness bzw. Tourenplanung. Der klassische Sandalen-Tourist ist mittlerweile sehr gut ausgerüstet. Für ein Abenteuer in den Bergen bedarf es trotzdem noch der Eigenverantwortung der einzelnen Akteure, auch wenn oft Stimmen betreffend mehr Regelmentierungen laut werden.
"Man muss den Leuten schon noch die Freiheit lassen, selbst abstürzen zu dürfen." (SCHELLHAMMER & POHL: 2020)
FAZIT: "Aber du warst ja auch dort ?"
Vollkommen richtig, mein Artikel beruht auf Erfahrung und ich habe auch schon einem vollgeparkten Parkplatz bzw. einem Herdenauftrieb beiwohnen müssen mit knallenden Kofferraumtüren, bellenden Hunden und Volksfeststimmung. Ich persönlich habe überhaupt nichts gegen Kollegen am Berg und konnte schon oft in einer Tour mit einer fremden Seilschaften gut zusammenarbeiten. Der Kontext dieses Artikels bezieht sich aber nicht auf eine Klettertour, wo schon drei Seilschaften darin sind. Hier geht es um verstaute Parkplatze wo die Rettungskräfte nicht mehr weiterkommen, um Klettersteige bei denen man eine Stunde im Stau steht, die endlose Ameisenspuren von Skitourengehern oder wenn man vor lauter Menschen am Gipfel kein Gipfelkreuz mehr sehen kann. Alles das passiert, quasi fast jedes Wochenende an den Hotspots. Das widerspricht meiner Vorstellung eines authentischen Naturerlebnisses, aus diesem Grund sucht man Alternativen und die gibt es ja zur Genüge. Meistens sind es die einsamen Nachbargipfel rund um den Hotspot. Eine antizyklische Tourenwahl oder das Vermeiden von Hotspots schafft hier schnell abhilfe und man befindet sich in einer einsamen Naturkulisse.
Ich habe in diesem Corona-Winter aufgrund des ausufernden Massenandranges beim Skitourengehen so wie viele andere Bergfexe, die eigenen Hotspots gemieden bzw. es teilweise komplett bleiben lassen. Wir haben in NÖ meistens wenig Schnee und sind damit an die wenigen Abfahrten (oft über ein Skigebiet) gebunden und ein Ausweichen in alpinere Tagestouren ist damit oft schwierig. Der Herdenauftrieb und Abtrieb in den Hotspots war damit vorprogrammiert. Deshalb habe ich größtenteils zu kombinierten Wintertouren mit Pickel und Steigeisen gewechselt, wo man fast immer alleine ist bzw. bin auch sehr oft vor der eigenen Haustüre laufen gegangen, damit es eben nicht mehr heißen kann "Aber du warst ja auch dort".
"Bergsport lebt vom Individualtourismus und nicht von der Masse, ansonsten hebt sich der Reiz dieser Betätigung auf wie der Nenner und Zähler einer Bruchrechnung. Die Folgen muss wie immer die Natur ausbaden. Nicht der einzelne Wanderer, Skitourengeher & Kletterer, sondern wir alle, als hedonistische Masse, beeinträchtigen das alpine Produkt, welches wir gleichzeitig suchen und schätzen. Insofern sind auch Naturtouristen gefordert ihr Verhalten zu reflektieren und sich auch mit teilweisem Verzicht auseinander zu setzten."
MEIN TIPP:
Einfach mal den Hotspot-Gipfel auslassen und den unbekannten Nebengipfel besteigen, dann steht man meistens alleine am Gipfel. Sollte sich dennoch ein paar Bergfexe auf den einsamen Gipfel verirrt haben, dann tritt der Effekt ein, dass man sich über den Gipfelsieg der Kollegen ebenfalls erfreuen kann. Dann wird auch wieder gegrüßt am Gipfel und nachgefragt, wie das werte Befinden ist. Vielleicht gibt es sogar den einen oder anderen gemeinsamen Gipfelschnaps. Bergsteiger sind gar nicht so unsozial, wie es manchmal dargestellt wird. Viele schätzen einfach nur die Stille der Natur, sowie die intensive Begegnungen mit dem Berg. Eigenschaften in einem Herdenauftrieb nur schwer zu finden sind.