
Trend-Phänomen Bergsteigen

Was ist eigentlich Bergsport und warum sind viele der Untersportarten zum Trend geworden? Während andere Vereinssportarten wie z.B. der Fußballverein oder der Tennisverein ein klares Sportprofil aufweisen, ist die Gruppe der Bergsportarten ein wildes Konglomerat mit unterschiedlichsten Bewegungsformen, Erfahrungen, Communitys, Motiven und Vorstellungen. In vielen Fällen hat heutzutage die eine Community im Bergsport von der anderen keine Ahnung. Da gibt es Felskletterer, die vom Altschneeproblem und der Lawinenkunde keine Ahnung haben, Wanderer, die nicht wissen, was ein Standplatz ist und Boulderer, die noch nie einen Mastwurf gebunden haben. Die Sportarten der Bergsportfamilie haben sich voneinander isoliert. Im Gegensatz zu dieser Trendbewegung wurde damals der Begriff des "Universalalpinisten" geprägt. Man ging früher von der Idee aus, dass es selbstverständlich sei, sich als Bergsteiger mit allen Formen des Bergsports gleichermaßen auseinander zu setzen. Mittlerweile kann man sagen, das Gegenteil ist in der breiten Masse des Trends passiert. Es gibt eine Community für Bouldern, Skitouren, Mehrseillängen, Eisklettern etc. und diese Welten könnten unterschiedlicher gar nicht sein. Der kleinste gemeinsame Nenner der Bergsportfamilie scheint oft der Kampf um den Parkplatz oder des Hüttenschlafplatzes zu sein.
MASSE STATT KLASSE?
Schon Reinhold Messner sagte, Bergsport ist ein egoistisches (egomanisches) Luxusprivileg der westlichen, reichen Industriegesellschaft. Das störte auch damals in den 70ern niemanden, jedoch leben wir heute mit dem Massenphänomen Berg. Bergsport ist trendy, modern und IN. Während Kinz und Kunz die Berge und Plateaus mit dem passiven Einsatz von Gondeln oder Liften belagern, suchen die Aktivsportler niedrigschwellige Wander- und Kletterangebote. Das Ergebnis sind überfüllte Klettersteig-Anlagen, Klettergärten und Hotspots, wie z.B. der Großglockner, der mit Bergführer im Nachstieg auf dem heillos überfüllten Normalweg begangen wird. Natürlich fällt kein Meister vom Himmel und die Risikosportart Bergsteigen bedarf einer langjährigen Auseinandersetzung mit unterschiedlichsten Bewegungs- und Sicherungsformen. Eigentlich passt diese zeitaufwändige Leidenschaft, welche mit ungemütlichen Biwaks, frühem Tourenstart und hohem Risiko so gar nicht in das aktuelle Zeitgeschehen. Gesucht wird das schnelle Erlebnis, mit möglichst wenig Zeitinvestition. Niederschwellige Kletter-Anlagen, leichte Klettergrade mit schnellem Gipfelglück und das Reel auf Social Media darf dabei nicht fehlen.
INFLUENCER AM BERG
Der oder sehr oft "die Influencerin" - ein neues Phänomen des subjektiven Massen-Individualismus par excellenc. Gefühlte Einzigartigkeit im gleichzeitigen Untergang von zig- tausenden isolierten Influencer-Bergbubbles, die alle den selben niederschwelligen Unterhaltungscontent produzieren, und an das damalige Nachmittagsfernsehen auf PRO7 und RTL erinnern. Die Funktionsweise des Contents besteht aus Aussehen, Emotionen und Produktwerbung. Qualitativer Informations-, Erfahrungs- und Bedingungen-Austausch, wie es in den ersten Jahren der Social Media Einführung (Das waren die FB-Foren) getan wurde, sind hier Fehlanzeige. Die Influencer sind so jung, dass sie es gar nicht mehr anders kennen. Im krassen Gegensatz zu diesen äußerst fragwürdigen Entwicklungen, bleibt die Anzahl der Alpinkletter, Eiskletter & Nordwand-Aspiranten zumindest gefühlt, auf einem relativ konstant-niedrigen Niveau. Die gute Nachricht, bei all dem Irrsinn, der momentan in der Bergwelt abläuft, ist, dass es genug einsame Plätze gibt, welche mit dementsprechenden Schwierigkeitsgraden oder spärlicher Absicherung für den ambitionierten Alpinisten ein Erlebnis bieten. Das antizyklische Verhalten zu den aktuellen Massen am Berg hat sich ebenfalls als lohnenswerte Strategie herausgestellt. Trotz aller Kritik, muss man die Kirche im Dorf lassen und sich immer wieder bewusst sein, dass es sich beim Massenphänomen Bergsport nach wie vor um ein Luxusproblem unserer westlichen Gesellschaft handelt.
HEKTIK, REIZÜBERFLUTUNG & ABENTEUER ZIEHEN UNS AUF DEN BERG
Wer sind diese vielen Menschen, die es in die Berge zieht und warum? Während in den 70ern die klassische Bergwanderung als langweilig abgestuft wurde und aus Amerika der Fitnessstudio und Tennistrend bei uns ankam, waren die Berge ein Gebiet für ein paar wenige Aussteiger und Verrückte, die sich mit schlechtem Material und fragwürdigen Absicherung in den Felsen bewegten. Alexander Huber erzählt, dass sich die Szene damals kannte und klein war. Touren und Infos wurden teilweise mündlich weitergegeben und das Internet gab es noch nicht. Obwohl ich ein jüngeres Baujahr als Alexander Huber bin, kann ich selbst noch von leeren Boulder und Kletterhallen in Wien berichten, mit dreckigen Umziehräumen, es hat überall nach Schweißfuß gerochen und die Boulder wurden quasi nie umgeschraubt. Keine Spur von farbreinen Boulderproblemen, Selbstsicherungsautomaten, Buffets, Chill-Out-Areas oder Kindergeburtstage in der Kletterhalle. Die Modernisierung von Kletterhallen, Klettermaterialien, Absicherungen und die Digitalisierung der Bergwelt mit Routeninfos und Influencern trafen zeitgleich auf eine urbane Zielgruppe, die sich nach Natur und Abenteuer sehnt. Auch der Alpenverein hat seines dazu beigetragen und die Mitglieder-Anwerbung für die Berge lief am laufenden Band. Die Folgen davon müssen Einheimische, Alpinisten, Hüttenpersonal und Hüttenwarte jetzt ausbaden.
ALPENVEREIN 1990… 22.254 Mitglieder
ALPENVEREIN 2024… 726.284 Mitglieder
DIE COMMUNITY AM BERG ÄNDERT SICH LAUFEND
Der klassisch sinnentleert-empfundene Bürojob und die hektische und reizüberflutende urbane Umgebung, wird am Wochenende gegen die Naturgewalt Berg getauscht und so zieht es viele Menschen aus den Großstädten in ihrer Freizeit in die Berge. Der Trend hat sich nach Corona noch einmal verstärkt. Die verschiedenen Bergsteiger-Stereotypen haben sich in dieser 30-jährigen Entwicklung noch einmal alle 10 Jahre stark verändert. Angefangen von den Hippie-Aussteigern im selbst umgebauten Camper, haben wir mittlerweile in den Hotspots eine sehr zahlungskräftige Klientel, die im teuren Luxus-Camper auf überfüllten Parkplätzen schläft und sich dann gerne im überfüllten Klettergarten oder Klettersteig anstellt. Die Berghütte wird gebucht, obwohl die Wanderung nur zwei Stunden dauert und beim Hüttenwart kann man sich dann über den Komfort und das Essen beschweren. Hier treffen alte Ideale auf komplett neue urbane Verhaltensweisen und Vorstellungen.
BERGSPORT IST INDIVIDUALSPORT
Bergsport ist Individualsport und definiert sich durch das Fehlen von Menschenmassen, ansonsten ist die Sportart obsolet. Dafür gibt es Sportarten wie Fußball, Volleyball, Handball etc. wo sich Menschenmassen in Stadien treffen und die Stimmung genießen. Durch den Massenauflauf am Berg zerstören sich die vielen Personen gegenseitig das authentische Bergerlebnis. In der weiteren Folge müssen die Natur und mittlerweile auch die Einheimischen die Folgen dieser nicht aufzuhaltenden Entwicklung ausbaden. Nicht einzelne Wanderer, Skitourengeher oder Kletterer sind das Problem, sondern wir alle als hedonistische Masse, beeinträchtigen das alpine Produkt, welches wir gleichzeitig suchen und schätzen. Insofern sind Vereine, Mitglieder, Bergtouristen und Alpinisten gefordert, ihr Verhalten zu reflektieren und sich auch mit teilweisem Verzichtstendenzen auseinander zu setzen, wenn die Zukunft des Bergsteigens nicht in einer Verbotskultur enden soll, wie es in vielen Ländern schon der Fall ist.
QUELLEN:

