
Trend-Phänomen Bergsteigen

Worin liegt die große Problematik, wenn viele Menschen mit unterschiedlichen Motiven und Bewegungsformen gleichzeitig in die Berge aufbrechen? Die Berge sind für jeden da, ist eine oft rezipierte Redensart im Web. Es scheint doch einleuchtend, dass sich jeder Sportverband und jede Tourismusstätte freuen muss, wenn die Anzahl der Interessenten mehr werden? Das Wirtschaftswunder von Österreich in den 50-60er Jahren mit dem Skitourismus hatte doch ähnliche Touristenströme? Bergsteigen oder Bergsport ist jedoch eine Individualsportart und lebt von Abenteuer, Ausblick, Naturgewalt, Stille und zu sich selbst finden. Wir verhandeln hier über die Ware "Berg und Natur". Die Vielen die da hinaufströmen, zerstören sich gegenseitig das authentische Erlebnis. Während die Berge früher schwer zugänglich und nur einer kleinen Gruppe vorbehalten waren, hat eine große Erschließungswelle, die Berge für Kinz und Kunz zugänglich gemacht. Statt eines mühevollen Aufstiegs, führen heute Passstraßen, Gondeln, E-Bikes und wahrscheinlich bald E-betriebene Skitourenskier auf den Berg. Fauna und Flora, sowie auch die einheimische Bevölkerung leiden unter diesem Ansturm und nicht selten ist auf Holzzäunen oder Ruhebänken schon zu lesen: "Tourists go home." Simon Messner hat erst kürzlich zu der Problematik der drei Zinnen Stellung genommen: "Jeder Mensch hat das Recht die drei Zinnen zu sehen, aber muss da eine Straße hinführen?"
BLOG: TRENDPHÄNOMEN BERGSPORT
Während andere Vereinssportarten wie z.B. der Fußballverein oder der Tennisverein ein klares Sportprofil aufweisen, ist die Gruppe der Bergsportarten ein wildes Konglomerat mit unterschiedlichsten Bewegungsformen, Erfahrungen, Communitys, Motiven und Vorstellungen.
In vielen Fällen hat heutzutage die eine Community im Bergsport von der anderen keine Ahnung.
Da gibt es Felskletterer, die vom Altschneeproblem und der Lawinenkunde keine Ahnung haben, Wanderer, die nicht wissen, was ein Standplatz ist und Boulderer, die noch nie einen Mastwurf gebunden haben. Die Sportarten der Bergsportfamilie haben sich voneinander isoliert. Im Gegensatz zu dieser Trendbewegung wurde damals der Begriff des "Universalalpinisten" geprägt. Man ging früher von der Idee aus, dass es selbstverständlich sei, sich als Bergsteiger mit allen Formen des Bergsports gleichermaßen auseinander zu setzen. Mittlerweile kann man sagen, das Gegenteil ist in der breiten Masse des Trends passiert. Es gibt eine Community für Bouldern, Sportklettern, Skitouren, Mehrseillängen, Eisklettern etc. und diese Welten könnten unterschiedlicher gar nicht sein.
Der kleinste gemeinsame Nenner der Bergsportfamilie scheint oft der Kampf um den Parkplatz oder des Hüttenschlafplatzes zu sein.
MASSE STATT KLASSE?
Schon Reinhold Messner sagte, Bergsport ist ein egoistisches (egomanisches) Luxusprivileg der westlichen, reichen Industriegesellschaft. Auch Bette (2004) beschreibt den Sonderstatus der westlichen Bevölkerung mit einer Vollkaskomentalität, Naturentfremdung und starker körperlicher Bewegungsarmut. Das störte auch damals in den 70ern niemanden, jedoch leben wir heute mit dem Massenphänomen Berg. Bergsport ist trendy, modern und In. Während Kinz und Kunz die Berge und Plateaus mit dem Einsatz von Passstraßen, Gondeln oder Liften belagern, suchen die Aktivsportler niedrigschwellige Wander- und Kletterangebote. Das Ergebnis sind überfüllte Klettersteig-Anlagen, Klettergärten und Hotspots, wie z.B. der Großglockner oder die Zugspitze, welche mit einem Bergführer auf dem heillos überfüllten Normalweg begangen wird. Natürlich fällt kein Meister vom Himmel und die Risikosportart Bergsteigen bedarf einer langjährigen Auseinandersetzung mit unterschiedlichsten Bewegungs- und Sicherungsformen. Das Aufsuchen eines Bergführers in Kursen und zur Anleitung macht da durchaus Sinn. Jedoch passt diese zeitaufwändige Leidenschaft, welche mit langjährigen Ausbildungen, ungemütlichen Biwaks, frühem Tourenstart und hohem Risiko einhergeht, so gar nicht in den aktuellen Zeitgeist. Gesucht wird das schnelle Erlebnis, mit möglichst wenig Zeitinvestition. Da bieten sich niederschwellige Kletter-Anlagen und leichte Klettergrade mit schnellem Gipfelglück gerade zu an. Das Reel auf Social Media darf dabei nicht fehlen.
Ich poste also bin ich.
Im Post steht dann: "Großglockner geschafft". Das es eine geführte Tour mit Bergführer ohne Eigenverantwortung war, wodurch die Tour quasi um ein vielfaches leichter und sicherer ist, steht nicht dabei. Die Begehungsform ist im traditionellen Bergsteigen aber eines der wesentlichsten Hinweise. Auch in anderen Sportarten wird die Form der Ausführung angegeben. Es macht schließlich einen Unterschied, ob ich im Schwimmen die 200m Kraul mit Flossen oder ohne Flossen geschwommen bin.

INFLUENCER AM BERG
Der oder sehr oft die "Berg-Influencerin" - ein neues Phänomen von Identifikationfiguren für die Massen. Es scheint hier eine gefühlte Einzigartigkeit dargestellt zu werden, im gleichzeitigen Untergang von zig-tausenden Berg-Influencer-Bubbles, die alle den selben niederschwelligen Unterhaltungscontent produzieren, und einem an das damalige Nachmittagsfernsehen von PRO7 und RTL erinnern. Während Bette (2004) in diesem Zusammenhang noch den Content der wenigen Profi-Alpinisten als Vorbild für die Ergebnisgestaltung der Vielen verortete, sind die heutigen Influencer mittlerweile auf dem bergsportlichen Level ihrer Rezipienten oder sogar darunter angekommen.
Das Format "Extreme" wurde von der "Routine" abgelöst.
Die Funktionsweise des vermeintlichen Berg-Contents besteht aus Aussehen (Erotisierung als neue Form der Emanzipation), Emotionen, Interaktion und Produktwerbung. Qualitativer Informations-, Erfahrungs- und Bedingungen-Austausch, wie es in den ersten Jahren der Social Media Einführung getan wurde, sind mittlerweile Fehlanzeige. Die Influencer sind mittlerweile so jung, dass sie es gar nicht mehr anders kennen. Ob ihnen ihre enorme Reichweite und den Impact, den sie auf soviele Menschen, Touristiker, Bergretter und Naturräume haben, bewusst ist, bleibt natürlich fraglich. Im krassen Gegensatz zu diesen medial-lärmenden Entwicklungen, bleibt die Anzahl der ambitionierten Alpinkletter, Eiskletter & Nordwand-Aspiranten zumindest gefühlt, auf einem relativ konstant-niedrigem Niveau. Die gute Nachricht ist, mit Erfahrung, längeren Zustiegen, höheren Schwierigkeiten und spärlichen Absicherungen entgeht man dem Trubel der Modetouren und findet noch genug einsame Plätze in den Alpen, auch wenn ich diese Verdrängung der ambitionierten Bergsteiger nicht gut heißen kann. Eine Glockner-Nordwandtour oder Überschreitung zählt zu den Highlights in den österreichischen Bergen, aber ich muss mir überlegen, ob ich den Stau am Normalweg oder in der Hütte wirklich haben möchte und fahre dann eher woanders hin.
HEKTIK, REIZÜBERFLUTUNG & ABENTEUER ZIEHEN UNS AUF DEN BERG
Wer sind diese vielen Menschen, die es in die Berge zieht und warum? Während in den 70ern die klassische Bergwanderung als langweilig abgestuft wurde und aus Amerika der Fitnessstudio und Tennistrend bei uns ankam, waren die Berge ein Gebiet für ein paar wenige Aussteiger und Verrückte, die sich mit schlechtem Material und fragwürdigen Absicherung in den Felsen bewegten. Alexander Huber erzählt, dass sich die Szene damals kannte und klein war. Touren und Infos wurden teilweise mündlich weitergegeben und das Internet gab es noch nicht. Obwohl ich ein jüngeres Baujahr als Alexander Huber bin, kann ich selbst noch von leeren Boulder und Kletterhallen in Wien berichten, mit dreckigen Umziehräumen, es hat überall nach Schweißfuß gerochen und die Boulder wurden quasi nie umgeschraubt. Keine Spur von farbreinen Boulderproblemen, Selbstsicherungsautomaten, Buffets, Chill-Out-Areas oder Kindergeburtstagen in der Kletterhalle. Die Modernisierung von Kletterhallen, Klettermaterialien, Absicherungen und die Digitalisierung der Bergwelt mit Routeninfos und Influencern trafen zeitgleich auf eine urbane Zielgruppe, die sich nach Natur und Abenteuer sehnt. Auch der Alpenverein hat seines dazu beigetragen und die Mitglieder-Anwerbung für die Berge lief am laufenden Band. Waren es 1975 noch 200.000 Mitglieder, sind es aktuell 726.284 Personen die beim AV gemeldet sind. Das meiste Mitgliederwachstum erfolgte aus Wien. Das gleiche Wachstum zeigt auch der deutsche DAV mit 1,5 Millionen Mitglieder. Zwischen 2015 und 2024 kamen 500.000 Personen dazu. Die Folgen davon müssen jetzt Einheimische, Hüttenpersonal, Bergrettung und Natur ausbaden, auch wenn die alpinen Vereine sichtlich bemüht sind, als Regulativ einzugreifen. Die Argumentation des zweckmässigen Einsatzes der Mitgliedsbeiträge wird zwar im Zusammenhang mit Mitgliederzuwachs immer hochgehalten, dass es jedoch zu einem Überlaufen der Hütten, Parkplätze und Wege mit zahlreichen Nutzungskonflikten gekommen ist, liegt auf der Hand. Gerade in Österreich stehen die alpinen Vereine vor einer großen Sanierungsproblematik ihrer Schutzhütten, welche von offizieller Seite angeblich das Budget übersteigt. Wenn man sich die enormen Zuwächse bei den Mitgliedsbeiträgen ansieht, wirft das natürlich Fragen auf?

DIE COMMUNITY AM BERG ÄNDERT SICH LAUFEND
Den Wandel vom "Universalalpinisten" in isolierte Einzelsportarten, habe ich bereits eingangs angeführt. Opaschowski (2000) beschreibt weiters in diesem Zusammenhang den Typus eines sinnentleert-empfundenen Büro-Daseins und eine naturentfremdende, urbane Lebenswelt mit Vollkasko-Mentalität, welche am Wochenende gegen die Naturgewalt Berg eingetauscht wird. Der Trend hat sich mit Corona und Homeoffice noch einmal verstärkt. Die verschiedenen Bergsteiger-Stereotypen haben sich in dieser 30-jährigen Entwicklung noch einmal alle 10 Jahre stark verändert.
Angefangen von den (Hippie)Aussteigern im selbst umgebauten Camper, haben wir mittlerweile in den Hotspots eine sehr zahlungskräftige Klientel, die im teuren Luxus-Camper auf überfüllten Parkplätzen schläft und sich dann gerne im überfüllten Klettergarten oder Klettersteig anstellt.
Ein Gardasee-Urlaub zur Hauptzeit macht aufgrund des Ansturms auf die Klettergärten, nur mehr für hartgesottene Touristen Sinn, die gewohnt sind, sich überall anzustellen. Selbst die einheimische Bevölkerung in Arco kann den Geistern die sie mit dem Klettertourismus heraufbeschworen hat, nicht mehr viel abgewinnen.
DIE TRAGIK DER SCHUTZHÜTTEN:
Schutzhütten wurden vor allem gebaut, um Bergsteigern und Wanderern Schutz und Unterkunft zu bieten. Sie sollten Menschen bei schlechtem Wetter, Kälte, Schnee oder Gewittern einen sicheren Ort geben. Außerdem ermöglichten sie es Bergsteigern, längere und schwierigere Touren zu unternehmen, ohne jedes Mal ins Tal zurückkehren zu müssen. Historisch entstanden viele Schutzhütten im 19. Jahrhundert, als der Alpinismus immer beliebter wurde. Sie dienten auch als Ausgangspunkt für Gipfelbesteigungen und erleichterten die Erschließung der Alpen. (Quelle: https://www.alpenverein.at)
Neben der Schutzfunktion hat eine Schutzhütte natürlich auch wirtschaftliche Funktionen, ansonsten gäbe es keine Pächter mehr, die diese betreiben würden und natürlich ergibt sich daraus ein Zwiespalt. Viele Schutzhütten liegen über 2000m und sind deshalb für lange Touren in den 3000 Berge ein wichtiges Basislager. Ich war zweimal in Südamerika in den 6000er Bergen und weiß, was es heißt, Zelt und Verpflegung im Rucksack mitzunehmen. Da sind wir in den Alpen schon verwöhnt. Mit dem Trendphänomen Bergsteigen kommt es aber auch hier zu Nutzungskonflikten. Sommerfrischler belegen am Wochenende die Hüttenplätze um sich in der kühlen Höhe mit Dackel unter Tags ein bisschen die Beine zu vertreten. Des weiteren werden Hütten teilweise mehrfach gebucht, wodurch wertvolle Hüttenschlafplätze verloren gehen. Auch die Mentalität der Gäste hat sich geändert und der Job des Hüttenwirts ist nur mehr etwas für Personen mit Drahtseilnerven. Kinz und Kunz beschweren sich über fehlendes W-Lan, Barzahlung, Hüttenkomfort, fehlendes Wasser oder das das Essen nicht schmeckt. Hier treffen jahrzehntelange soziale Codes auf komplett neue urbane Verhaltensweisen und Vorstellungen. In meiner Sturm und Drang Zeit als Alpinist war ich sicherlich 30 Nächte pro Jahr auf Hütten. Mittlerweile sind es nur mehr ein paar Nächte pro Jahr. Es ist mittlerweile für mich nicht mehr erstrebenswert nach einer 15h Klettertour spät Abends in eine Hütte voller Wanderer und Sommerfrischler einzutreffen, wo der letzte Sitzplatz in der Stube vergeben ist. Tourenziele mit vollgestopften Hütten wie das Matrashaus oder die Kürsingerhütte habe ich mittlerweile von meiner Liste genommen. Peter Eisendle dürfte in seiner empirischen Bestandsaufnahme recht behalten.
"Alles Großartige der Menschheitsgeschichte – ihre Meisterwerke – ist dazu verdammt, von Kitsch und Kommerz ausgesaugt zu werden. Das scheint beinahe ein Naturgesetz zu sein, geschuldet der Geschäftigkeit des Menschen."(Berg und Steigen, 2025)
BERGSPORT IST INDIVIDUALSPORT
Bergsport ist Individualsport und definiert sich durch das Fehlen von Menschenmassen, ansonsten ist die Sportart obsolet.
Dafür gibt es Sportarten wie Fußball, Volleyball, Handball etc. wo sich Menschenmassen in Stadien treffen und die Stimmung genießen. Durch den Massenauflauf am Berg zerstören sich die vielen Personen gegenseitig das authentische Bergerlebnis. In der weiteren Folge müssen die Natur und mittlerweile auch die Einheimischen die Folgen dieser nicht aufzuhaltenden Entwicklung ausbaden. Nicht einzelne Wanderer, Skitourengeher oder Kletterer sind das Problem, sondern wir alle als hedonistische Masse, beeinträchtigen das alpine Produkt, welches wir gleichzeitig suchen und schätzen. Insofern sind Vereine, Mitglieder, Bergtouristen und Alpinisten gefordert, ihr Verhalten zu reflektieren und sich auch mit teilweisem Verzichtstendenzen auseinander zu setzen, wenn die Zukunft des Bergsteigens nicht in einer Verbotskultur enden soll, wie es in vielen Ländern schon der Fall ist.
QUELLEN:
- BETTE, K.-H. (2004) X-treme- Zur Soziologie des Abenteuer- und Risikosport. Bielefeld: Transcript.
- OPASCHOWSKI, H.W. (2000). Xtrem-Der kalkulierte Wahnsinn-Extremsport als Zeitphänomen. German Press Verlag: Hamburg
- https://www.bergundsteigen.blog/massen-am-berg/
Dokumentation über Massentourismus im Klettersport:
